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Bildbearbeitung

Bildbearbeitung

Ich stehe vor der Kaffeemaschine und starre auf die dunkelbraune Flüssigkeit, die in die Glaskanne fließt. Innerlich wappne ich mich für die Aufgabe, die mir gleich bevorsteht. Hätte ich gewusst, auf welche kleinen Details man als Geschäftsführer so achten muss, hätte ich diesen Job vielleicht niemals angenommen. Als wäre der Re-Launch unserer Homepage nicht schon genug Arbeit gewesen, muss ich jetzt auch noch dafür sorgen, dass das Foto unseres neuen Teamleiters auch zu den anderen Bildern passt, die von uns bereits auf der Homepage stehen. Dabei liegt Bildbearbeitung nun wirklich nicht in meiner Expertise.

Ob ich Bildbearbeitung kann?

Sobald der Kaffee durchgelaufen ist, nehme ich eine Tasse aus dem Schrank und gieße mir einen großen Becher ein. Den werde ich ganz bestimmt brauchen. Auf den Weg in mein kleines Büro grüße ich noch Marie aus der Buchhaltung und gratuliere ihr zur Hochzeit. „Danke, danke! Es war wirklich ein gelungener Tag. Und was steht für dich heute an?“, fragt sie. „Die Bildbearbeitung von unserem neuen Teamleiter.“, sage ich etwas resigniert. „Oh wow, kannst du so was denn? Ich wusste gar nicht, dass das in deinem Arbeitsbereich liegt.“ „Hahahaha“, lache ich, „nein, das tut es auch nicht! Aber die Chefetage will eben unbedingt sparen, deshalb haben sie ja auch auf ein neues Shooting verzichtet, mit dem wir direkt ein passendes Bild von ihm gehabt hätten. Ob ich Bildbearbeitung kann, werden wir wohl gleich erfahren. Bis dann!“

Das kann eigentlich nur ein Scherz sein

In meinem Büro angekommen, lasse ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Ich fahre meinen PC hoch und nehme einen Schluck Kaffee. Ich weiß wirklich nicht, wann ich mich das letzte Mal so vor einer Herausforderung gedrückt habe. Mir fehlt nicht nur das technische Know-How, denn mit Photoshop habe ich noch nie gearbeitet. Ich bin auch noch absolut unbegabt was jedwede Kreativität angeht. Die Deko in meinem Büro besteht aus einer einzelnen Zimmerpflanze, die mir meine Freundin geschenkt hat, und einem Foto auf meinem Schreibtisch, eben von besagter Freundin. Und ich soll mich an Bildbearbeitung versuchen? Hahaha, der ist wirklich gut.

Immerhin ist er frontal abgelichtet

Mit großem Widerwillen öffne ich also erst einmal die Datei mit Svens Foto, parallel dazu rufe ich die anderen Teambilder auf, die bereits auf der Homepage stehen. Sofort sehe ich, dass diese Bildbearbeitung nicht mit ein paar Handgriffen getan sein wird. Er guckt auf dem Foto immerhin frontal in die Kamera – aber das war es eigentlich auch schon an Ähnlichkeit zu den anderen Bildern. Der Hintergrund ist ein ganz anderer, er steht vor einem See und die Sonne belichtet ihn eher von schräg-hinten. Wir alle hingegen stehen vor einer weißen Backsteinmauer und sind natürlich bestens frontal ausgeleuchtet. Dazu kommen noch seine roten Augen. Die Kirsche auf der Sahne ist aber, dass das Bild definitiv mit einer Handykamera aufgenommen wurde und dementsprechend unscharf ist. Und das hat mein Chef abgesegnet? Nun, er muss die Bildbearbeitung ja auch nicht machen.

Nun ja, ich habe es versucht

Ich ziehe das Bild also in Photoshop und versuche mein Bestes. Ich fange einfach mal mit der Bildbearbeitung an und starte mit dem Hintergrund, denn der ist natürlich das auffallendste am ganzen Bild. Ich versuche also rund um sein Gesicht und seinen Oberkörper kleine Markierungen zu setzen, um ihn dann auszuschneiden. Dafür allein brauche ich viel zu lang. Als ich dann auf ‚Ausschneiden‘ klicke, bekomme ich fast einen hysterischen Lachanfall. Die minuziöse Kleinstarbeit hat sich überhaupt nicht gelohnt, der Rand ist immer noch unglaublich eckig und unförmig. Diese Bildbearbeitung kann ja was werden.

Ob das jemals was wird?

Ich füge das Ganze trotzdem erstmal vor dem richtigen Hintergrund ein, zum Glück hatten wir davon auch ein paar Fotos ohne Teammitglieder gemacht. Als ich die zusammengefügte Datei sehe, kommen mir fast die Tränen – jedoch ganz und gar nicht aus Freude. Nicht nur der Rand, der Sven umgibt, ist absolut krakelig, hier fällt jetzt auch die unterschiedliche Belichtung sofort ins Auge. Apropos Auge – die roten Augen wollen auch noch entfernt werden. Langsam beginne ich daran zu zweifeln, ob ich diese Bildbearbeitung heute fertig bekomme, vielleicht überhaupt jemals?

Teamwork makes the dream work – wollen wir mal hoffen

Ich stecke meinen Kopf noch einmal aus der Tür raus und sehe mich im Großraumbüro nach Marie um. „Marie, kannst du mal kurz kommen?“ Wie war das noch gleich? Teamwork makes the dream work – oder so. Warum sollte ich der einzige unfähige sein, der sich mit der Bildbearbeitung rumschlagen muss. Marie kommt in mein Büro, umrundet meinen Schreibtisch, sieht das Werk auf meinem Bildschirm und bricht in Gelächter aus. „Bildbearbeitung ist also wirklich nicht dein Fachgebiet, was?“

Bildbearbeitung

Ergebnis: reden wir lieber nicht darüber

„Das habe ich auch nie behauptet! Also, hilfst du mir?“ Marie schlägt mir einige Handgriffe vor. Versuch doch mal, den Rand mit diesem Tool zu glätten. Ergebnis: Der Rand sieht nun einfach verschwommen aus. Versuch doch mal, den Kontrast anzupassen. Ergebnis: Sven sieht jetzt noch umschatteter aus, als vorher. Versuch doch mal, die Helligkeit insgesamt anzupassen. Ergebnis: Das Bild ist nun insgesamt so hell, dass man die weiße Backsteinmauer im Hintergrund kaum noch als solche erkennen kann. „Nein, Bildbearbeitung ist wohl auch nicht mein Fachgebiet.“, sagt Marie und zerstört damit das letzte bisschen Hoffnung, dass ich vielleicht noch hatte.

Manchmal muss man sich einfach eingestehen, dass man Hilfe braucht

Nachdem Marie das Büro verlässt, starre ich wie in Trance auf dieses verdammte Bild. Es kann doch nicht sein, dass sich das nicht irgendwie regeln lässt! Mir reicht es jetzt, ich begebe mich auf die Suche nach Hilfe. Bei Google gebe ich ein ’Tipps für Bildbearbeitung‘. Sofort werden mir einige Ergebnisse vorgeschlagen. Ich öffne ein paar davon parallel und überfliege die Blogartikel. Ich merke sofort, dass hier tatsächlich Profis am Werk waren und keine Amateure, wie ich. Ich merke allerdings auch, dass ich nicht wirklich weiß, wovon geredet wird. Die Artikel sind nicht unbedingt an Experten gerichtet, eindeutig jedoch an Leute, die schon ein wenig Erfahrung mit Photoshop gesammelt haben. Und zu denen gehöre ich leider nun wirklich nicht.

Ein Silberstreif am Horizont!

Ein anderer Tab, den ich parallel geöffnet habe, ist gar kein Artikel, wie ich feststellen muss, sondern eine Art Werbeanzeige für Bildbearbeitung. Jetzt werde ich hellhörig. Mein Chef wollte sich zwar die Kosten eines neuen Shootings ersparen, aber offensichtlich können wir diese Bildbearbeitung einfach nicht selbst bewerkstelligen. Was ich so an Informationen von der Webseite sammeln kann, sagt mir, dass es auf jeden Fall immer noch günstiger ist, eine Agentur dafür zu engagieren, als ein neues Shooting zu planen. Es führt wohl kein Weg daran vorbei, wir brauchen dieses Foto und wir brauchen jemanden, der dieses Foto auch bearbeiten kann. Ich bete also einfach, dass mein Chef damit einverstanden sein wird und klicke auf den Button ‚Kontaktieren Sie uns jetzt!‘.